Viele deiner Werke beginnen mit einer Fotografie. Beim Arbeiten entwickeln sie sich zu etwas Traumhaftem. Wie entsteht dieser Wandel?
Die Fotografie ist für mich der Ausgangspunkt. Während ich zeichne, beginne ich zu assoziieren. Das ist ein wenig so, wie wenn man in Wolken schaut und plötzlich Figuren oder Landschaften erkennt. Diese Bilder entstehen nicht bewusst – sie tauchen auf.
Während ich arbeite, bleiben oft Weissflächen im Bild. Was dort entstehen wird, ist unklar. Ich weiss nur, dass dort irgendwann etwas entstehen wird. Was es ist, entdecke ich während des Zeichnens. Meine Bilder entwickeln sich und verbinden sich mit Erinnerungen, Gedanken und Gefühlen.
"Meine Kunst ist die undefinierte Sichtbarmachung einer Grauzone"

Du sprichst von der unsichtbaren Grauzone. Meinst du damit den Zwischenraum zwischen Realität und Traum?
Ja genau, aber eigentlich geht es nicht nur um Traum und Realität. Mich beschäftigt vielmehr die Grenze zwischen dem, was wir objektiv sehen, und dem, was wir selbst in ein Bild hineinlegen. Wir glauben oft, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Das sehe ich anders. Alles, was wir wahrnehmen, wird von Erinnerungen, Erfahrungen, Erwartungen und Gefühlen überlagert. Diese Projektionen interessieren mich. Dort beginnt für mich die Grauzone.
Genau das geschieht, wenn ich zeichne. Ich arbeite nach einer Fotografie und beobachte gleichzeitig, welche inneren Bilder sie in mir auslöst. Irgendwann verschmelzen beide Ebenen miteinander.
Deine Arbeiten wirken fast fotorealistisch. Wie schaffst du das mit deinen Grundmaterialen Kohle und Russ, die sich doch nie vollständig kontrollieren lassen?
Genau das fasziniert mich. Insbesondere reagiert Kohle auf jede Berührung und entzieht sich so einer vollkommenen Kontrolle. Das zwingt mich, loszulassen. Darin steckt viel Potenzial. Kohle fühlt sich für mich ursprünglich an – fast wie eine Verbindung zu den ersten Zeichnungen der Menschen. Ein unglaubliches Gefühl.
«Ich sehe die Dinge nie einfach so, wie sie sind. Sie sind immer überlagert von Gedanken, Erinnerungen und Erwartungen.»
Vom Surrealismus lernen, ohne surreal zu malen.
Manche deiner Bilder erinnern an den Surrealismus – und wirken gleichzeitig sehr realistisch.
Der Surrealismus hat mich stark geprägt. Künstler wie Max Ernst oder André Breton interessierten sich dafür, wie das Unbewusste sichtbar werden kann. Sie arbeiteten mit freier Assoziation und liessen so Bilder entstehen.
Dieser Gedanke begleitet auch mich. Allerdings nicht, indem ich surrealistische Traumwelten male. Mich interessiert vielmehr, wie sich innere Bilder langsam in eine realistische Darstellung einschieben.
Hier entsteht meine eigene Sprache – im Spannungsfeld zwischen Fotorealismus und Surrealismus.

Meditation ist ein wichtiger Bestandteil deines Lebens. Beeinflusst sie dein Schaffen?
Viele denken, Meditation liefere Inspiration. So erlebe ich sie nicht. Sie hilft mir vielmehr, genauer wahrzunehmen, was in mir geschieht. Gedanken, Gefühle oder innere Bilder treten deutlicher hervor, ohne dass ich sie bewusst suche. Diese Aufmerksamkeit fliesst unmittelbar ins Zeichnen ein. Ich beobachte nicht nur das Bild vor mir, sondern auch das, was das Bild in mir auslöst.
Mindestens ebenso wichtig ist etwas anderes. Meditation hat mich Geduld gelehrt. Diese Geduld ist für meine Arbeit unverzichtbar. Oft arbeite ich wochenlang an einem Bild, bis es seinen endgültigen Ausdruck gefunden hat. Dranzubleiben ist deshalb für mich zu einer eigentlichen künstlerischen Fähigkeit geworden.
«Die eine Seite meiner Arbeit ist die Präzision der Fotografie, die andere das freie Assoziieren. Dazwischen bewege ich mich.»
Eine Frage zum Schluss: Deine Werke lassen den Betrachtern einen grossen Interpretationsspielraum. Willst du das?
Genau, denn ich glaube, dass Bilder dort am stärksten sind, wo sie offenbleiben. Ich liefere deshalb keine abschliessenden Erläuterungen. Mich interessiert, was andere darin entdecken.
Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit und entdeckt deshalb etwas anderes. Vielleicht ist das der schönste Moment: wenn jemand etwas erkennt, das ich selbst nie bewusst hineingezeichnet habe.



