Jess, auf deiner Website beschreibst du dich als Malerin psychologischer Allegorien. Was bedeutet das für dich?
Für mich sind meine Bilder Ausdruck innerer Vorgänge. Sie erzählen Geschichten, die persönlich erscheinen, aber nicht an eine einzelne Person gebunden sind. In diesem Sinn ähneln sie Märchen: Jede und jeder kann etwas Eigenes darin entdecken.
Ich arbeite mit Symbolen und Metaphern – bewusst in einer realistischen Bildsprache. Obwohl die Szenen oft traumartig wirken, geht es um sehr reale Gefühle und Erfahrungen. Mit diesen Allegorien möchte ich etwas sichtbar machen, das eigentlich unsichtbar ist.
Zwischen London, Liechtenstein und der Schweiz
Du bist in London geboren, hast sri-lankische und liechtensteinische Wurzeln und lebst heute in der Schweiz. Prägen diese unterschiedlichen kulturellen Einflüsse deine Kunst?
Ja, sehr. Ich habe oft das Gefühl, je nach Ort und Sprache eine etwas andere Person zu sein. Diese verschiedenen Perspektiven beeinflussen, wie ich die Welt wahrnehme und wie ich mit meinen Werken Geschichten erzähle.
Vom Handwerk zur eigenen Bildwelt
Nach dem Kunststudium in London hast du dich zunächst vom Kunstbetrieb zurückgezogen und als Malerin und Dekorateurin gearbeitet.
Was hat dich daran gereizt?
Das Handwerk hat mich seit jeher fasziniert. Trompe-l'œil-Malerei, Imitationsmalerei und dekorative Techniken sind für mich Kunstformen für sich. Ich habe dabei unglaublich viel über Materialien, Techniken und Arbeitsprozesse gelernt. Dieses Wissen zeigt sich heute in vielen Details meiner Bilder.
Was war 2015 der Auslöser für deine Rückkehr zur Kunst?
Ein ganz pragmatischer: Ich arbeitete viel, war selbstständig tätig und kam doch nicht auf einen grünen Zweig. Darum dachte ich: Wenn ich ohnehin kämpfen muss, dann will ich das tun, was ich wirklich liebe.
Reale Menschen, universelle Geschichten
Wie entstehen deine Bildwelten?
Es ist ein sehr langsamer Prozess. Manche Werke begleiten mich über Jahre. Oft entwickelt sich ein Bild aus dem vorhergehenden heraus. Es gibt selten einen klaren Schnitt oder einen völligen Neuanfang.
Die Grundlage meiner Werke bilden Fotografien, Videos und Inszenierungen, die ich, sofern möglich, selbst erarbeite. Jedes Blatt, jedes Objekt und jede Figur entstehen aus eigenem Bildmaterial. Ich sammle, fotografiere, arrangiere und kombiniere unzählige Elemente, bevor daraus ein Gemälde entsteht.
Zwischen Imagination und Wirklichkeit.
Welche Rolle spielen Symbole in deinen Bildern?
Eine sehr grosse. In meinen Bildern hat fast alles eine Bedeutung. Tiere, Farben und Gegenstände tragen symbolische Werte in sich. Ein Pinguin taucht beispielsweise nicht auf, weil ich Pinguine besonders mag, sondern weil er bestimmte Eigenschaften verkörpert. Das gilt auch für Farben – jede einzelne hat ihre eigene Bedeutung.
Du setzt du reale Menschen in eine magische Welt, die zugleich fasziniert und irritiert. Was reizt dich an diesem Spannungsfeld?
Die Menschen in meinen Bildern sind reale Personen. Doch es geht nicht um sie als Individuen, sondern um die Geschichten unter der Oberfläche. Jede Figur ist ein Charakter in einer Geschichte und jeder Charakter ist Stellvertreter für uns alle. Meine Werke können visuell traumhaft wirken, weil sie innere Welten und Emotionen sichtbar machen. Indem ich sie realistisch male, verleihe ich dem Immateriellen eine greifbare Präsenz. Diese Art mit Modellen zu arbeiten, erfordert dabei viel Vertrauen ihrerseits – sie müssen sicher sein, dass ich ihrer Darstellung mit Respekt begegne.
Ein Porträt für die Ahnengalerie
Kürzlich wurde in Vaduz dein Porträt der ehemaligen Bürgermeisterin Petra Miescher in die Ahnengalerie aufgenommen. Wie hast du diesen Auftrag erlebt?
Sehr positiv. Ich habe mich mehrmals mit Petra Miescher getroffen und mich intensiv mit ihr ausgetauscht. Gerade hier war mir die sorgfältige Planung enorm wichtig. Hängt ihr Porträt doch als erstes einer Frau in der Ahnengalerie der Vaduzer Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Haltung, Ausstrahlung, Blickrichtung und Kleidung wurden bewusst gewählt. Das Porträt sollte ihre Ausstrahlung und Persönlichkeit sichtbar machen.
Engagement für andere Kunstschaffende
Du hast dich viele Jahre für Women in Art engagiert. Warum war dir das wichtig?
Ich war von Anfang an am Aufbau der Organisation Women in Art und an der Entstehung des jährlich verliehenen Women in Art Prize beteiligt – zunächst eher im Hintergrund, später in einer offiziellen Rolle. Die Initiative entstand aus dem Wunsch heraus, Künstlerinnen sichtbarer zu machen. Für mich war es spannend, Ausstellungen und Wettbewerbe mitzugestalten und andere Kunstschaffende zu unterstützen.
Auch bei der Künstlervereinigung hast du bereits eine Rolle im Team der Planung der Werkschau 26 übernommen.
Ja. Auch hier engagiere ich mich und hoffe, mit meinen Erfahrungen einen positiven Beitrag zur Weiterentwicklung dieser für uns wichtigen Ausstellung leisten zu können.
Was hat dich bewogen, der Künstlervereinigung Zürich beizutreten?
Ich neige dazu, mich in meiner Arbeit zurückzuziehen. Deshalb möchte ich bewusst mehr Austausch suchen und die Kunstszene in der Schweiz besser kennenlernen.
Kunst in unruhigen Zeiten
Was beschäftigt und inspiriert dich derzeit?
Inspiration ist im Moment nicht das richtige Wort. Mich beschäftigen die grossen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit: Auswirkungen sozialer Medien und des Internets auf die Gesellschaft sowie den einzelnen Menschen – sowohl körperlich als auch psychisch. Dann auch die Themen wie Kriege, Klimakrise und die politischen Spannungen. Und welche Rolle Kunst dabei spielen kann. Ich glaube nicht, dass Kunst allein die Welt verändert. Aber sie kann Menschen berühren, Fragen aufwerfen und vielleicht zu neuen Denkweisen anregen.
Was hoffst du, dass die Menschen aus deinen Bildern mitnehmen?
Wenn sich die Betrachter meiner Bilder berühren lassen, sie länger hinschauen oder auch nachdenklich werden, habe ich mein Ziel erreicht. Denn mit meinen Bildern möchte ich Räume zum Staunen, Nachdenken und Gedanken-wandern-lassen schaffen. Ganz besonders freut es mich, wenn sie darin etwas Eigenes entdecken.




