Leben zwischen Erinnerung und Neubeginn

Die ukrainische Künstlerin Elzara Oiseau über Krieg, Exil und ihre Arbeit in der Schweiz.

Elzara, als der Krieg begann, lebtest du in einem Vorort von Kiew. Wie hast du diese Tage erlebt?

Ich wohnte damals in Irpin, einem Vorort von Kiew. Mein Atelier befand sich im Zentrum der Stadt, etwa 25 Kilometer entfernt. Die russischen Truppen rückten sehr schnell vor. Ich musste praktisch ohne etwas mitzunehmen fliehen – nur mit einem kleinen Rucksack voller Dokumente und persönlicher Dinge.

 

Die ersten Wochen verbrachte ich an verschiedenen Orten, u. a. auch in Kellern in Irpin, später dann in Kiew. Einige Wochen später sah ich auf Fotos, dass mein Zuhause zwar nicht zerstört, aber schwer beschädigt war. Da wurde mir klar, dass ich die Ukraine verlassen musste.

FRAGILITY 12 meters wall painting for loslassen-loswerden WASCHRAUM, Zürich, 2023

Du konntest dennoch einen Teil deiner Werke retten?

Bevor ich aufbrach, beschloss ich, mindestens einen Teil der Schätze meines Lebens in Sicherheit zu bringen. Glücklicherweise befand sich mein Atelier im Zentrum von Kiew. Dort angekommen, löste ich meine Bilder aus den Rahmen, wickelte sie zu zwei Rollen auf und machte mich auf den Weg. Rund zwei Wochen dauerte meine Evakuierung, bis ich in Zürich ankam. Ich hatte Glück – denn schon bald darauf konnte ich einen Teil der geretteten Bilder in der Galerie Philosophique in Grandson ausstellen.

 

Hattest du  bereits Kontakte in die Schweiz?

Nein, überhaupt nicht. Die Schweiz war eines der wenigen Länder, in denen ich niemanden kannte. Alles geschah damals sehr schnell und chaotisch. Ich erinnere mich kaum noch daran, wer mir welche Kontakte vermittelt hat. Irgendwann bot mir jemand die Möglichkeit, vorübergehend in Zürich zu wohnen – und sogar in einem Atelier zu arbeiten.

Nach den Erfahrungen von Krieg, Bedrohung und Flucht hatte ich das Gefühl, meine Stimme als Künstlerin einsetzen zu müssen. Für mich war klar: Ich muss weiterarbeiten und erzählen, was geschieht.

Du bis heute in der Schweizer Kunstszene präsent. 17 Gruppen- und vier Einzelausstellungen in vier Jahren – wie hast du das geschafft?

Das erstaunt mich selbst. Aber ich hatte schlicht keine Wahl. Ich kam in ein Land, in dem niemand wusste, wer ich bin. Niemand hat auf mich gewartet. Also musste ich selbst Kontakte knüpfen und Möglichkeiten schaffen.

 

Das Leben in der Ukraine ist weniger stabil als hier in der Schweiz. Vielleicht sind wir deshalb daran gewöhnt, um unseren Platz zu kämpfen und sehr hart zu arbeiten.

Ich habe oft das Gefühl, zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu leben – zwischen zwei Ländern und zwei Realitäten.

Heute wissen wir, dass dieses frühere Leben nicht mehr existiert.

Welche Themen beschäftigen dich derzeit in deinem Schaffen?

Im Zentrum steht für mich das Gefühl des Dazwischenseins. Die Unsicherheit. Die Erfahrung, ohne Stabilität zu leben und nicht zu wissen, wo ich in einem Jahr sein werde.

 

Im ersten Kriegsjahr hofften viele von uns, irgendwann zurückzukehren. Heute wissen wir, dass dieses frühere Leben nicht mehr existiert. Gleichzeitig habe ich inzwischen auch ein Leben in der Schweiz aufgebaut. Oft habe ich das Gefühl, zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu leben – zwischen zwei Ländern und zwei Realitäten.

 

Deine Familie lebt weiterhin in der Ukraine. Wie erlebst du diese Distanz?

Sehr schwierig. Besonders im Winter. Zu wissen, dass meine Familie und Freunde ohne Strom, Heizung oder stabile Verbindung auskommen müssen. Oft konnten wir nur wenige Minuten miteinander sprechen. Und ich konnte nichts tun. Auch das prägt meine Arbeit. Ich glaube, Menschen, die Krieg erlebt haben, können darüber nicht schweigen. Aber sie müssen dafür erst eine eigene Sprache finden. Auch das prägt meine Arbeit.

Groundless – site specific installation. Wire, mesh, beads. 2026, Cité internationale des arts, Paris.

Zurzeit arbeitest du in Paris an einem Forschungsprojekt. Worum geht es dabei?

Als Krimtartarin beschäftige ich mich mit der beinahe verschwundenen Sprache meines Volkes. Dafür habe ich von Februar bis Mai 2026 in Archiven in Paris gearbeitet.

 

Mich interessiert die Frage, wie Erinnerungen, Kulturen und Sprachen verschwinden können. Deshalb arbeite ich bewusst mit Aquarellfarben, Papierfragmenten und sogar mit Radiergummis – Materialien, die sich verändern, verblassen oder fast auslöschen lassen.

 

Auch die Landschaften der Krim spielen in meinen Arbeiten eine wichtige Rolle. Sie basieren auf Fotografien, die ich vor der Besetzung der Krim aufgenommen habe. Im Zentrum stehen Erinnerung und Verlust – auch deshalb, weil selbst meine eigenen Erinnerungen an die Krim langsam verblassen.

Phantom Pain. 2023, Zurich. Paper, pencil, 48*64cm

Wenn meine Kunst Fragen auslöst, hat sie etwas erreicht.

Was wünschst du dir, wenn Menschen deine Werke betrachten?

Das ist eine schwierige Frage. Ich möchte keine Gefühle erzwingen. Mir ist wichtig, Raum für eigene Interpretationen zu lassen.

 

Aber ich hoffe, dass meine Arbeiten Neugier wecken – auf die Krim, auf die Sprache oder auf die ukrainische Kultur. Wenn meine Kunst Fragen auslöst, hat sie etwas erreicht.

Mehr zu Elzara finden Sie hier und auf ihrer Website.