Mit Vilija Litvinaite ist eine äusserst vielseitige und spannende Künstlerin zur KVZ gestossen. Mit ihrem Werk hinterfragt sie Alltägliches, lädt es anders auf und gibt ihm so eine neue Identität. Ihre Arbeiten verbinden Material, Geschichte und Haltung. Martin hat mir ihr gesprochen.
Vilija, was hat dich motiviert, bei KVZ mitzumachen?
Aufgrund meiner Arbeiten wurde ich eingeladen, mich für die Mitgliedschaft zu bewerben. Die hohe Qualität der Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler hat mich überzeugt, dass ich hier dazugehören möchte.
Worauf freust du dich in der Künstlervereinigung?
Auf Begegnungen und den Austausch mit anderen Künstlerinnen und Künstlern. Und darauf, gemeinsam mit ihnen etwas zu bewegen.
In deiner Kunst beschäftigst du dich mit Alltagsphänomenen. Was bewegt dich dazu?
Als ich 1998 aus Litauen in die Schweiz kam, traf mich das Leben hier wie ein Schock. Konsum, Wohlstand, Überfluss. So vieles war für mich neu. So kannte ich weder Mayonnaise in der Tube noch Geschirrspülmaschinen oder Tunnels, durch die man hindurchfahren kann. Und die unendliche Verfügbarkeit von neuen Kleidern. Was hier selbstverständlich ist, war mir fremd. Diese Erfahrung prägt meine Arbeit bis heute. Ich möchte Zeichen setzen, Dinge sichtbar und wieder wertvoll machen.
Was bedeutet das konkret für deine Kunst?
Ich bewege mich zwischen einem vom dialektischen Materialismus im kommunistischen Litauen geprägten Pragmatismus und der kapitalistischen Konsumgesellschaft. Zwischen Mangel und Überfluss. Diese Spannung interessiert mich.
Sind deine «Pulp Paintings» wie das oben abgebildete Porträt aus Kleidung Beispiele dafür.
Ja. Ich zerkleinere ausgediente Baumwoll- und Leinenkleider und mahle diese über Tage mit einem sogenannten «Papierholländer». Dabei bleiben die Farbpigmente erhalten. Es entsteht eine Pulpe, die ausgewaschen, nochmals kurz gemahlen und schliesslich mit Wasser verdünnt wird. In einem zweiwöchigen Prozess wird diese geschöpft, gegautscht, gepresst und getrocknet. Daraus schaffe ich meine Bilder und gebe dem Material so eine neue Identität. Einen neuen Sinn.
Mit den Quick-Fashion-Skulpturen gehst du noch weiter.
Kleidung ist mehr als nur ein Stück Stoff. Sie ist unsere zweite Haut. Sie trägt Erinnerungen. Mit unserer Quick-Fashion-Mentalität verliert sie ihre Sprache, ihren Wert. Sie wird zur Wegwerfware.
Mit meinen Werken erhalte ich die Nähte, gebe ihnen eine neue Bedeutung. Sie sind wie Linien, die den Körper nachzeichnen. Sie wecken Neugier auf die Person, sind ein Gerüst der Erinnerungen und Sehnsüchte – ein offenes Skelett, das zugleich Körper und Leere, Stoff und Abwesenheit vereint. Diese Silhouetten sind zugleich Präsenz und Abwesenheit: ein Kleid, das den Körper schon verloren hat, und doch seine Spur bewahrt.
Ein starker Kontrast dazu sind die «Animal Domus»-Arbeiten.
Tierbilder, geformt aus tausenden Kabelbindern, aus Plastik. Ein Material, das alles fixiert und fesselt. Daraus entstehen vielfach grossformatige Tierbilder mit einer fesselnden Präsenz. Für mich sind Tiere gleichwertige Mitbewohner dieser Welt. Inspiriert von Donna Haraway frage ich: Wer steht wirklich im Zentrum? Der Mensch – oder das Leben selbst?
Dein Werk ist äusserst vielseitig, da gibt es ganz viel zu entdecken. Wo siehst du Grenzen?
In Material und Technik. Und das ist gut so. Zu viel Perfektion beendet Entwicklung. Widerstand hält Kunst lebendig.




